Innerhalb nur weniger Tage erreichten uns die traurigen Nachrichten, dass unsere langjährigen Freunde – GUNTHER BETHs Verleger RAINER WITZENBACHER und kurz darauf auch der Schauspieler, Regisseur, Roman- (1981: „Das Eis der ewigen Freundschaft“ 2019, „Ohne mich fehlt mir was: Ein ziemlich schönes Nachkriegsleben“), TV- (u. a. „Marienhof“, „Das Traumschiff“) und Bühnenautor GUNTHER – gestorben sind.
Gunther Beth (18. Oktober 1945 – 14. August 2026)
Die gemeinsame Theaterzeit, aus der sich die Freundschaft und künstlerische Zusammenarbeit von Birgit und Joachim Landgraf mit Gunther entwickelte, begann im Frühjahr 1970, als er mit Jane Ardens Stück „Die Party“ auf Tournee war. Die Hauptrolle spielte Gustav Knuth. Gunther, den wir später noch in vielen anderen Rollen sahen, seinen Bühnensohn. Birgit begleitete die EURO-STUDIO Landgraf Produktion als Inspizientin und Reiseleiterin.
Nach der „Party“-Tournee begegten wir Gunther zuerst als Schauspieler an den führenden Boulevardtheatern. 1975/76 gehörte er als Sohn von Georg Thomalla in der Wiederaufnahme von Curth Flatows „Der Mann, der sich nicht traut“ ebenso zum Spitzenensemble im Theater am Kurfürstendamm wie 1984 in Wolfgang Spiers auch für das TV aufgezeichneter und 1985/86 auf Tournee mit der Konzertdirektion Landgraf gezeigter Inszenierung von „SCHREIB, WENN DU KANNST!“ als Verleger des von Spier gespielten Schriftstellers Martin Reid. Acht Jahre später wurde 1993 auch ihre gemeinsame deutschsprachige Adaption „DIE WAHRHEIT ÜBER EVE“ aufgeführt.
1977 lernten wir mit „MEINE MUTTER TUT DAS NICHT!“ erstmals den Autor Gunther Beth kennen. Es war der furiose Auftakt seiner beispiellosen Karriere, denn seine Stücke prägten über Jahrzehnte auch das künstlerische Profil und das Repertoire des Tournee-Theaters THESPISKARREN (TTT). Geschrieben hatte er den am 6.5.1977 im Kölner Theater am Dom uraufgeführten Dauerbrenner mit seinem Bühnenpartner Folker Bohnet nach ihrer KL-Tournee mit „Bitte nicht stören!“ im Frühjahr 1976. Inszeniert hatte die Broadway-Komödie von Ron Clark und Sam Bobrick Hauptdarsteller Carl-Heinz Schroth.
Mit seiner Frau, der Schauspielerin und Autorin Barbara Capell, schrieb er die – über mehrere Spielzeiten beim TTT gespielten – Publikumslieblinge „ICH WÄR SO GERN WIE DU“ (UA 2000), für Claus Biederstaedt „WER DEN LÖWEN WECKT“ (UA 1998) und für Biederstaedt und Karin Dor „TRAU KEINEM ÜBER 60!“ (UA 1992). Auf den Bond-Filmtitel „Man lebt nur zweimal“, in dem Karin Dor 1967 Sean Connerys Bondgirl Helga Brandt war, spielt die für sie geschriebene Beziehungskomödie „MAN LIEBT NUR DREIMAL oder DIE KATZE“ an (UA 2001).
Nur ein Jahr später wurde 2002 in dem von Joachim Landgraf 25 Jahre lang, von September 1991 bis zum Ende der Spielzeit im Sommer 2016, erfolgreich geleiteten Theater im Rathaus Essen die Grit Boettcher auf den Leib geschriebene Komödie „WILLKOMMEN IM CLUB“ uraufgeführt. 2007 führte René Heinersdorff bei der UA im Theater an der Kö in Düsseldorf bei der gemeinsam mit ihm verfassten Komödie „DIE NUMMER DES JAHRES“ Regie. 2009 inszenierte Gunther Beth am Bonner Contra-Kreis-Theater sein letztes Stück „DAS KOSTÜM“ (UA 17.2.). Das »Show-Spiel« um einen Finanzbeamten, der in einem Elvis-Kostüm zu einer neuen Identität findet, war 2010/11 mit dem TTT auf Tournee.
Mit „DER NEUROSENKAVALIER“, einem der spektakulärsten deutschsprachigen Welterfolge, etablierte sich Gunther Beth endgültig als deutschsprachiger Neil Simon. Nach der von Claus Biederstaedt inszenierten Uraufführung am 19.12.1986 in der Komödie im Marquardt in Stuttgart begann die für ihn und Karin Dor von Gunther und Alan Cooper (= Dieter B. Gerlach) geschriebene Komödie einen beispiellosen internationalen Siegeszug. Deutsch-deutsche Theatergeschichte schrieb das Werk, als es am 16. März 1989 in einer Produktion des Theaters Stralsund als ERSTE westdeutsche Boulevardkomödie in der DDR aufgeführt werden durfte.
Einschließlich dieser Aufführungen kam das Stück, das in der Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins zu den TOP TEN der meistgespielten und meist inszenierten Stücke bis Dezember 2014 gehört, auf astronomische über 9.000 Vorstellungen in 112 Produktionen in 13 Ländern. Die Verfilmung unter dem Titel „Ach du Fröhliche“ mit Harald Juhnke und Marijam Agischewa in den Hauptrollen wurde am 23.12.1996 im Ersten ausgestrahlt.
Gunther, dessen Komödien über Jahrzehnte eine tragende Säule des Spielplans waren, prägte das künstlerische Profil des TTT nicht nur als AUTOR, sondern in mehr als 1.000 Vorstellungen auch als SCHAUSPIELER. Mit der Uraufführungsbesetzung von „Der Neurosenkavalier“ gastierte er an den führenden Boulevardtheatern in Berlin (1987 Komödie am Kurfürstendamm), München (Kleine Komödie am Max II), Bonn (2006/07 Contra-Kreis-Theater, ohne den erkrankten Claus) und Köln (2007/08 Theater am Dom), wo Biederstaedt am 11.12.2007 seine 1.000. (!) Vorstellung als Kaufhausdieb Felix Bollmann spielte. Im Anschluss an die letzte Tournee spielte die Originalproduktion vom 22.3.–2.4.2008 in dem von Joachim Landgraf geleiteten Theater im Rathaus Essen.
Gunthers Komödien verdanken ihre Authentizität und Bühnenwirksamkeit der Tatsache, dass er durch und durch Theaterpraktiker war. Er schrieb nicht nur für sich selbst, sondern auch für seine Kolleginnen und Kollegen wirkungsvolle Rollen. Als Schauspieler und Regisseur wusste er genau um das Timing einer Szene, um Rhythmus und Wirkung einer Pointe und wie viel Ernst eine Komödie verträgt.
Die Verbindung zwischen Gunther, Birgit, mir und Michael Abeln, dem Leiter des THESPISKARREN, war über Jahrzehnte weit mehr als die berufliche Zusammenarbeit zwischen Autor, Schauspieler und Produzent: Es war eine enge, auf Loyalität vertrauende Freundschaft. Mit seinen Stücken, Inszenierungen und seinem nuancierten Spiel schrieb er ein wichtiges Kapitel unserer Theatergeschichte.
Wir nehmen Abschied von einem Freund, dessen Leben dem Theater gehörte. Seine Stücke werden weitergespielt werden – ohne ihn. Gunther wird uns fehlen. Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Frau Barbara Capell und seiner Familie.
Birgit und Joachim Landgraf, Michael Abeln und alle Mitarbeiter*innen des THESPISKARREN und der Konzertdirektion Landgraf.

















